{"id":807,"date":"2026-07-17T14:44:26","date_gmt":"2026-07-17T13:44:26","guid":{"rendered":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/?p=807"},"modified":"2026-07-17T14:44:26","modified_gmt":"2026-07-17T13:44:26","slug":"gummireifen-und-metallgelder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/?p=807","title":{"rendered":"Gummireifen und Metallgelder"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Emsdettener Konflikte 1918<\/h4>\n\n\n\n<p>Emsdetten geh\u00f6rte im Jahre 1918 gewi\u00df nicht zu den revolution\u00e4ren Zentren Deutschlands. Dennoch stieg auch hier die Unzufriedenheit, als immer mehr M\u00e4nner fielen oder in Gefangenschaft gerieten, als die Lebensmittelversorgung f\u00fcr alle zum Problem wurde, die nicht \u00fcber eigenes Land verf\u00fcgten und immer mehr Regeln der Mangelverwaltung das t\u00e4gliche Leben einschr\u00e4nkten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Recht anschaulich werden die meist unter der Decke bleibenden Spannungen in dem Konflikt zwischen dem Kinobetreiber Wilhelm Wiedau und dem Amtmann Richard Schipper. Hier prallten zwei Pers\u00f6nlichkeiten aufeinander, die auf ganz verschiedene Weise das Kaiserreich verk\u00f6rperten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Richard Schipper und Wilhelm Wiedau<\/h4>\n\n\n\n<p>Richard Schipper war aufgrund seiner milit\u00e4rischen Verdienste im Krieg gegen Frankreich bereits mit 23 Jahren als Amtmann in Emsdetten installiert worden und behielt diese Position bis 1919 bei. Es war nicht ungew\u00f6hnlich, da\u00df die Position des Amtmanns karrieretechnisch eine Sackgasse darstellte, in der es allenfalls durch die Versetzung in ein bev\u00f6lkerungsreicheres Amt den Aufstieg in eine h\u00f6here Besoldungsgruppe gab. Schipper erreichte den Effekt, in dem er am Orte blieb, w\u00e4hrend er vom Bev\u00f6lkerungswachstum profitierte: Emsdetten hatte gegen Ende des Ersten Weltkriegs fast dreimal so viel Einwohner wie 1870\/71. Schipper setzte sich aktiv f\u00fcr eine Reihe lokaler Modernisierungen ein, vom Ausbau des Schulwesens \u00fcber die Feuerwehr, die Emsbr\u00fccke nach Sinningen bis zur Sparkasse, fremdelte aber auch mit einigen Begleiterscheinungen des Industriezeitalters. In seinen Quartalsberichten an den Kreis findet die Landwirtschaft viel Aufmerksamkeit, w\u00e4hrend die aktuelle Lage der Industrie mit stereotypen S\u00e4tzen abgespeist wird, die nicht unbedingt die reale Konjunkturen widerspiegelten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wilhelm Wiedau hingegen war ein mehrfacher Unternehmer in einer damals noch sehr neuen Technologie. Eine T\u00e4tigkeit als Zechenschreiner im Raum Bochum konnte ihn nicht halten, er versuchte sein Gl\u00fcck wie sein Vater als Gastwirt, bald darauf als Schausteller. 1897, nur zwei Jahre nachdem die Br\u00fcder Lumi\u00e8re in Paris zum ersten Mal Filme in einer kommerziellen Auff\u00fchrung gezeigt hatte, erwarb er ein Vorf\u00fchrger\u00e4t und wahrscheinlich auch eine Kamera. Mit dieser Ausstattung zog er nun im M\u00fcnsterland und Ruhrgebiet \u00fcber Volksfeste und Kirmessen. Bereits 1898 soll er auch selbst dokumentarisch die Pfingstkirmes in Blankenstein gefilmt haben, um seinem Publikum ein lokal interessantes Programm bieten zu k\u00f6nnen. In diesen Wanderjahren mu\u00df er auch bereits nach Emsdetten gekommen sein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig schien er sich nicht allein auf die Attraktivit\u00e4t des mobilen Kinogesch\u00e4ftes verlassen zu wollen. Ein Gewerbeschein aus Warendorf (1904) deckte sicherheitshalbe auch&nbsp; das \u201eVorzeigen der lebenden und sprechenden Photographien sowie Sehensw\u00fcrdigkeiten, Preisschie\u00dfen, Inbetriebsetzung eines Karusells (!) mit elektr. Betrieb&#8220; ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter entschied er jedoch, da\u00df die Zukunft beim station\u00e4ren Kino liege und gr\u00fcndete mit einem Compagnon die \u201e1. Westf\u00e4lische Kinematographe Co.\u201c. Nicht ein einzelnes Kino sollte es sein, sondern gleich eine Kette mit Niederlassungen \u2013 mindestens \u2013 in M\u00fcnster, Oelde und Osnabr\u00fcck. Das ehrgeizige Projekt scheiterte jedoch. Wiedau ging nach Emsdetten und errichtete dort an der Wilhelmstra\u00dfe das \u201eLichtspielhaus\u201c, das 1913 in Betrieb. Die Entscheidung f\u00fcr Emsdetten fiel vielleicht deshalb, weil sein Sohn dort eine Autowerkstatt mit Fahrschule betrieb.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Beschwerden und Antworten<\/h4>\n\n\n\n<p>Als der 1914 zum Kriegsdienst eingezogen wurde, stellte Wiedau senior in dieser Werkstatt \u201eeinige Drehb\u00e4nke auf, um f\u00fcr eine ausw\u00e4rtige Firma Granatenh\u00fclsen zu bearbeiten. Nach und nach wurden noch 2 Bohrmaschinen, eine Stanze und eine S\u00e4ge und eine Schleifmaschine in der Werkstatt aufgestellt und 3 oder 4 Hilfskr\u00e4fte in dem Betriebe besch\u00e4ftigt.\u201c Diese zus\u00e4tzliche Erwerbsquelle war vermutlich wichtig, weil das Kino nicht regelm\u00e4\u00dfig in Betrieb war. Wilhelm Wiedau reichte am 15. April 1918 eine Reihe von Beschwerden gegen den Amtmann Richard Schipper ein, vermutlich beim Regierungspr\u00e4sdium als zust\u00e4ndiger Aufsichtsbeh\u00f6rde. Das entsprechende Dokument ist nicht mehr erhalten; wir sind daher auf die Entgegnung Schippers angewiesen, in der er gegen\u00fcber dem Landrat die Beschwerdepunkte aus seiner Sicht beschreibt und zur\u00fcckweist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichwohl zeigen sie, wo alles in diesem letzten Kriegsjahr lokale Konfliktlinien verliefen, auch wenn wir annehmen d\u00fcrfen, dass sie ein subjektives und unvollst\u00e4ndiges Bild vermitteln. Der erste Streitpunkt in der Reihenfolge, wie sie Schipper vornimmt, dreht sich um Fahrradreifen, ein rationiertes Gut. Wiedau klagt, sein Antrag daf\u00fcr sei als unbegr\u00fcndet abgelehnt worden, im Gegensatz zu denen von Handwerkern, die ein enges Verh\u00e4ltnis zur Verwaltung pflegten. Nat\u00fcrlich erkl\u00e4rt Schipper, Ausnahmegenehmigungen nur sehr selten und dann rein sachlich begr\u00fcndet vergeben zu haben. Dergleichen war in dieser Zeit der Rationierungen normal. Aber gleich hier wurde die Auseinandersetzung pers\u00f6nlich: Wiedau soll die gut vernetzten Handwerker als \u201eKriecher\u201c bezeichnet haben, was Schipper sofort umdreht: \u201eIch kenne hierorts nur eine einzige Person, welche diese Bezeichnung verdient und das ist, resp. war, solange sein Gesuch um Belassung der Fahrradbereifung nicht abgelehnt war, diese unsch\u00f6ne Eigenschaft hatte ich schon s. Zt, als er noch als Schausteller zur hies. Kirmes kam, an ihm wahrgenommen \u2013 der Wiedau selbst.\u201c Schipper bittet den Landrat, im Zweifelsfall auf das Urteil \u201eangesehener B\u00fcrger der Gemeinde\u201c, gerade auch die Mitglieder der Gemeinde- und Amtsvertretungen zu h\u00f6ren, die seine Amtsf\u00fchrung als fair beurteilten.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim zweiten Vorwurf ging es um einen Landwirtssohn. Sein Vater war gestorben. Unter diesen M\u00f6glichkeiten gab es die M\u00f6glichkeit, den Sohn aus dem Kriegsdienst zur\u00fcckzuholen, wenn seine Anwesenheit auf dem Hofe f\u00fcr die Lebensmittelversorgung der Bev\u00f6lkerung und der Armee als unabdingbar angesehen wurde. Allerdings gelang Schipper dies nicht, laut Wiedau wieder aus pers\u00f6nlicher Voreingenommenheit. Wiedau soll auch die Mutter und Schwester des Soldaten aufgesucht haben und ihnen seine Sicht der Angelegenheit aufgedr\u00e4ngt haben. Die Gegenseite zu diesen Antr\u00e4gen in den Akten des Stellvertretenden Generalkommandos M\u00fcnster sind im Zweiten Weltkrieg verbrannt und k\u00f6nnen keine Auskunft geben, wie einzelne Antr\u00e4ge formuliert waren, oder wie jeweils die Reaktion der Milit\u00e4rbeh\u00f6rde aussah. Allerdings waren R\u00fcckstellungsgesuche sehr zahlreich. Kritik, wie sie auch aus anderen Orten kam, legt nahe, dass ein lokaler Amtmann schon sehr \u00fcberzeugend argumentieren mu\u00dfte, wenn er Erfolg haben wollte, gerade angesichts der personellen Ausf\u00e4lle in der sp\u00e4teren Phase des Krieges. Ob Schipper daher ein pers\u00f6nlicher Vorwurf zu machen war, mu\u00df offen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>In der dritten Angelegenheit ist etwas unklar, worin der Vorwurf bestanden hatte. Im Kern geht es um einen \u201ebisher unbestraften und durchaus in gutem Ruf stehenden\u201c Maurermeister, der jetzt im Korpsbekleidungsamt arbeitete und dort etwas Leder gestohlen hatte, um die Schuhe der Familie zu erneuern. Hatte sich Schipper nach Wiedaus Meinung zu wenig f\u00fcr den Familienvater eingesetzt, oder zu wenig auf Recht und Ordnung gegeben? Der Mann wurde \u201emit einer kurzen Gef\u00e4ngnisstrafe belegt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden letzten Vorw\u00fcrfe drehen sich um den Komplex der \u201eMetallgelder\u201c. Hier sei f\u00fcr den Kontext erw\u00e4hnt, da\u00df im Ersten Weltkrieg f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse des Milit\u00e4rs und der R\u00fcstungsindustrie Sammlungen f\u00fcr alle m\u00f6glichen Rohstoffe stattfanden: Neben Lebensmitteln und potientiellem Viehfutter waren das so verschiedene Dinge wie Glas, Textilien, Haare oder Gummiwaren. Metall und metallhaltige Produkte nahmen eine besonders zentrale Rolle ein. F\u00fcr die Sammlungen wurden manchmal Schulkinder eingesetzt, in anderen F\u00e4llen aber auch Angeh\u00f6rige des \u00f6ffentlichen Dienstes oder sonstige Zivilisten. Je nach Sammelerfolg sollten sie f\u00fcr ihre M\u00fchen eine Entsch\u00e4digung erhalten, die auf lokaler Ebene der Amtmann oder B\u00fcrgermeister zu verteilen hatte. Auch die gerechte Verteilung dieser Gelder stellte vielerorts eine potentielle Quelle von Streitigkeiten dar.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fall des Gemeindebeamten Johannes Judith, zu dessen F\u00fcrsprecher sich Wiedau macht,hatte eine Vorgeschichte. Angesichts der rapide steigenden Lebenshaltungskosten und einer gro\u00dfen Familie hatte Judith mehrfach vergeblich Antr\u00e4ge auf Gehaltserh\u00f6hung gestellt, bis er in einem Schreiben \u2013 nach Ansicht Schippers und des Landratsamtes \u2013 unangemessen beleidigend geworden war. Schipper wollte ihn schon wegen Beleidigung anzeigen, verzichtete aber gegen ein Entschuldigungsschreiben Judiths darauf, \u201eaus R\u00fccksicht gegen die gro\u00dfe kinderreiche Familie des Genannten und in Anbetracht des nerv\u00f6sen Zustandes, in welchem sich der Genannte damals befand\u201c. Es klingt ein bi\u00dfchen so, als habe ihn der Landrat dazu gedr\u00e4ngt. Offenbar als Alternativstrategie beantragte Judith dann, da\u00df ihm wie anderen Beamten auch ein Teil der \u201eMetallgelder\u201c zugeteilt w\u00fcrden. Schipper teilt nicht mit, ob dieses Anliegen Erfolg hatte, sondern begn\u00fcgt sich mit dem Hinweis, da\u00df dieses Schreiben frei von Beleidigungen gewesen sei. Zu einem ungenannten Zeitpunkt danach k\u00fcndigte die Amtsvertretung Judith seine Dienstwohnung, laut Wiedau als Racheakt, laut Schipper, weil \u201eJudith Forderungen stellte, auf welche die Amtsvertretung nicht eingehen wollte und dem Genannten hier auch ein eigenes Wohnhaus zur Verf\u00fcgung stand.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber an wen gingen nun die Metallgelder? Wiedau scheint angedeutet zu haben, Schipper habe sie veruntreut. Auch sei neben Judith auch der Wachtmeister zu wenig f\u00fcr seine Arbeit entsch\u00e4digt worden. Laut Schipper wurde das Geld \u201emit Ausnahme eines dem hies. Wachtmeister und einigen anderen B\u00fcrobeamten zugewendeten Betrages ganz zur Uniformierung der hies. Jugendwehr verwendet worden ist.\u201c Die Jugendwehr war eine bei Kriegsbeginn eingerichtete Organisation f\u00fcr Jungen \u00fcber vierzehn Jahren, die mit allerlei \u00dcbungen auf ihr k\u00fcnftiges Dasein als Soldat vorbereitet werden sollten. Daneben bot sie auch ein Sportangebot. Schipper behauptet, ohne die Metallgelder w\u00e4re es nicht gelungen, eine derartige Gruppe zu gr\u00fcnden. Er ging wohl zu Recht davon aus, da\u00df dieses Argument bei seinen Vorgesetzten Gewicht haben w\u00fcrde. Allerdings spricht auch einiges daf\u00fcr, da\u00df die Jugendwehr bei fortschreitendem Kriegsverlauf f\u00fcr die Jugendlichen immer weniger attraktiv war. In einer \u00f6ffentlichen Bekanntmachung sagte Schipper am 3. M\u00e4rz 1918: \u201eDiejenigen Mitglieder der hiesigen Jugendkompagnie, welche den \u00dcbungen in letzter zeit ohne Entschuldigung fernblieben, werden hierdurch letztmalig aufgefordert, f\u00fcr die Folge an den Versammlungen und \u00dcbungen der Wehr regelm\u00e4\u00dfig teilzunehmen, oder aber sich ordnungsm\u00e4\u00dfig unter Abgabe ihrer Uniform- und Ausr\u00fcstungsst\u00fccke abzumelden.\u201c Gerade das mit den Uniformen war so ein Thema. Bereits 1917 gab es eine Warnung, weil ehemalige Mitglieder ihre Uniformen nicht bei Austritt zur\u00fcckgaben, sondern einfach die Kennzeichen entfernten und sie dann als Zivilkleidung trugen. V\u00f6llig aus der Luft gegriffen sei hingegen das Ger\u00fccht, er habe mit dem Geld die Feuerwehrkapelle gesponsert. Sie liege ihm sehr am Herzen, deswegen seien alle Zusch\u00fcsse aus seinen privaten Mitteln erfolgt \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum vor Kriegsbeginn. Da die Kapelle offenbar w\u00e4hrend des Krieges nicht aktiv war, stimmt die Aussage Schippers dazu wohl. Wenn trotzdem derartige Ger\u00fcchte kursierten, liegt aber der Verdacht nahe, da\u00df ihm viele nicht (mehr) zutrauten, Priorit\u00e4ten an den richtigen Stellen zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unabh\u00e4ngig von konkreten Vorw\u00fcrfen soll Wiedau behauptet haben, Schipper werde als Reaktion auf selbstherrliche Entscheidungen im Ort sp\u00f6ttisch \u201eRichard der Allm\u00e4chtige\u201c genannt. Bemerkenswert ist, da\u00df Schipper sich nicht damit begn\u00fcgt zu sagen, ein derartiger Spottname habe keine Berechtigung. Vielmehr behauptet er, Wiedau selbst habe den Namen erfunden, ohne dass er sich habe durchsetzen k\u00f6nnen. Ihm scheint nicht klar zu sein, da\u00df derartige Bezeichnungen im Zweifelsfall dort kursierten, wo ein Amtmann sie nicht h\u00f6ren w\u00fcrde. Es passt aber zur Behauptung Wiedaus, der Bauunternehmer August Poggemann habe gesagt, \u201ees habe keinen Zweck, zu den Gemeinderatssitzungen zu gehen, der Amtmann tue doch, was er wolle\u201c. Schipper glaubt diese Aussage nicht, hat aber (wohlweislich?) Poggemann auch nicht selbst dazu befragt. Er will dazu nur \u201eerkl\u00e4ren, da\u00df die bezgl. Ansichten bei den Gemeindevertretern denn doch sehr verschieden sind.\u201c Das passt nicht zu Schippers fr\u00fcheren Erkl\u00e4rung, er habe die Unterst\u00fctzung der ganzen Amts- und Gemeindevertretung.<\/p>\n\n\n\n<p>Schipper k\u00fcndigte gleich eingangs seines Schreibens an, gegen Wiedau Klage wegen Beleidigung seiner Person einzureichen. Das Regierungspr\u00e4sidium lie\u00df sich Zeit bis Juli, um den Konflikt im Sinne des Amtmannes zu entscheiden.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"598\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Anzeige-Wiedau-1918-598x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-809\" srcset=\"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Anzeige-Wiedau-1918-598x1024.jpg 598w, https:\/\/dachbodenschaetze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Anzeige-Wiedau-1918-175x300.jpg 175w, https:\/\/dachbodenschaetze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Anzeige-Wiedau-1918-768x1316.jpg 768w, https:\/\/dachbodenschaetze.de\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Anzeige-Wiedau-1918.jpg 817w\" sizes=\"(max-width: 598px) 100vw, 598px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Gesch\u00e4ftsbehinderung oder haltlose Beleidigung?<\/h4>\n\n\n\n<p>Manche Punkte, die Wiedau vorbrachte, werden Teil des lokalen Geredes gewesen sein. Dagegen hatte eine Zeitungsannonce vom Juni einen Charakter, der nicht ignoriert werden konnte. Im April hatte Wiedau sein Gesch\u00e4ft um die Reparatur von Landmaschinen erweitert. Im Juni berichtet er: \u201eEin hiesiger Herr sucht gegenw\u00e4rtig die Landwirte und auch Fabrikbesitzer zu beeinflussen, bei mir nicht arbeiten zu lassen. In meinen Augen ist dieser Herr ein ganz gemeiner Schurke, der sehr viel auf dem Gewissen hat und f\u00fcr das Gef\u00e4ngnis reif ist. Diene Ihnen dieses zur Warnung und, werfen sie doch nicht mit Steinen, da sie doch in einem gef\u00e4hrlichen Glaskasten sitzen. N. B. Um Irrt\u00fcmer zu vermeiden, teile ich nebenbei mit, da\u00df dieser Schurke kein Konkurrent von mir ist.\u201c<br><\/p>\n\n\n\n<p>Zweifellos \u00fcberschreitet dieser Sprachgebrauch die Regeln des Anstands. Aber wie kam Richard Schipper darauf, diesen Text auf sich zu beziehen? Es ist nicht anzunehmen, da\u00df er die Zeit hatte, potentielle Kunden Wiedaus zu diesem Zweck pers\u00f6nlich aufzusuchen. Anders sah das bei den beiden aus, die Wiedau sp\u00e4ter selbst benennt, um eine Anklage gegen ihn abzuwenden: Bernhard Kock und Gerhard Hellebr\u00f6cker. Bernhard Kock (1868-1924) betrieb eine Gastwirtschaft mit Saal an der Rheiner Stra\u00dfe. Im Krieg gingen die Gesch\u00e4fte jedoch schlecht, Ende Juni 1918 mu\u00dfte er sie mangels Vorr\u00e4ten vor\u00fcbergehend sogar schlie\u00dfen. Bereits fr\u00fcher&nbsp; hatte er eine neue Funktion aufgenommen, n\u00e4mlich die eines Viehaufk\u00e4ufers als Teil des Fleischbewirtschaftungssystems. In dieser Position, die er nur mit Zustimmung des Amtmannes bekommen haben konnte, suchte er regelm\u00e4\u00dfig landwirtschaftliche Betriebe auf. Da die Zwangsabgaben den Bauern nicht gefielen und manch einer versuchte, sie zu umgehen, war er jedoch auch immer wieder Konfliktsituationen ausgesetzt. Ende 1918 gab er den Posten auf und wandte sich wieder ganz seiner Gastst\u00e4tte zu. Gerhard Hellebr\u00f6cker hatte vom Textilarbeiter den Sprung zum Gewerkschaftssekret\u00e4r geschafft. Nachdem er im Krieg verwundet worden war,&nbsp; stellte ihn die AOK des Kreises Steinfurt im Januar 1917 als Angestellten an. \u00dcber eine Vielzahl von Vereinen war er lokal vernetzt. 1922 w\u00fcrde auch er sich als Wirt selbst\u00e4ndig machen. Er war bereits vor 1918 Mitglied der von Schipper als loyal bezeichneten Gemeindevertretung. Bei beiden ist denkbar, da\u00df sie von Schipper angestiftet wurden. Als Wiedau im September an die Regierung in M\u00fcnster schrieb, um die Klage gegen ihn noch abzuwenden, legt er sich auf Bernhard Kock fest: \u201eKock hat sich auch wirklich betroffen gef\u00fchlt, denn er hat Dutzende von Leuten im Ort und in den verschiedenen Wirtschaften gefragt, ob sie nicht w\u00fc\u00dften, wen ich mit der Annonce meinte.\u201c Da\u00df Schipper \u00fcberhaupt hineingezogen worden sei, habe er zumindest nicht direkt zu verantworten, es t\u00e4te ihm auch leid, es liege wohl daran, dass so viele Menschen im Ort \u00fcber seine schriftliche Beschwerde Bescheid w\u00fc\u00dften. Ungeachtet des vers\u00f6hnlichen Schreibens sah sich die Regierung \u201ewegen der Schwere der Beleidigungen\u201c au\u00dferstande, die Klage zur\u00fcckzunehmen. Am 8. November, als in Teilen die Landes die Revolution bereits begonnen habe, bittet Schipper darum, diesen Bescheid&nbsp; ver\u00f6ffentlichen zu d\u00fcrfen. Am 18. November, da ist der Kaiser gest\u00fcrzt, teilt Landrat Plenio mit, da\u00df der Bescheid nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit bestimmt sei und der weitere Gang der Dinge abgewartet werden solle.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Nachspiel Mai 1919<\/h4>\n\n\n\n<p>Es sollte Mai 1919 werden, bis das Sch\u00f6ffengericht Burgsteinfurt sich der Sache annahm. Das Gericht entschied zugunsten von Wiedau. Interessant ist jetzt, da\u00df Schipper das Verfahren verschiedenen Adressaten gegen\u00fcber verschieden darstellt. In einer \u00f6ffentlichen Bekanntmachung als Amtmann erkl\u00e4rt er, das Gericht habe Wiedau nicht inhaltlich recht gegeben, sondern vielmehr sei hier eine generelle Amnestie wirksam geworden. Das macht nicht plausibel, warum er eine Berufung ank\u00fcndigt. Anders ist es bei seinem Brief an das Regierungspr\u00e4sidium: \u201eUnbegreiflicher Weise ist der nebenstehend genannte p Wiedau durch das Sch\u00f6ffengericht zu Burgsteinfurt in seiner Sitzung vom 8. ds. Mts. Von der Anklage der schweren \u00f6ffentlichen Beleidigung des Unterzeichneten freigesprochen worden, indem man seiner Behauptung, er habe in seinem Schm\u00e4hartikel in der Emsdettener Zeitung und seinen in den Wirtsh\u00e4usern get\u00e4tigten Beschimpfungen und Beleidigungen den Amtmann ja gar nicht gemeint, Glauben schenkte und von den Zeugen, welche das Gegenteil bezeugen konnten, niemanden vernahm. Hier gibt es keinen Menschen, welcher nicht davon \u00fcberzeugt ist, dass der p Wiedau mit seinen Beleidigungen niemanden anders als den Unterzeichneten hat treffen wollen\u201c Offensichtlich wurde ihm bald klar, da\u00df seine \u00f6ffentlich vorgebrachte Erkl\u00e4rung nicht gen\u00fcgte, deshalb legte er mit einer weiteren amtlichen Bekanntmachung nach, in der er nach Zeugen gegen Wiedau ruft. \u201eInsbesondere kommt es auf die Ermittelung von Verleumdungen an, welche \u00f6ffentlich, d. h. auf der Stra\u00dfe, in Wirtschaftslokalen oder auch an andere Stellen gleichzeitig mehreren Personen gegen\u00fcber von dem p. Wiedau gegen mich gerichtet worden sind. Schon blo\u00dfe Andeutungen seitens des Genannten, durch welche auf eine Bezichtigung meiner Person wegen irgend einer ehrverletzenden Handlung geschlossen werden kann \u2013 z. B. \u00fcber den Verbleib von Jagdpacht- und Metallgeldern \u2013 gelten als Beleidigungen. Ganz besonderen Wert lege ich aber darauf festzustellen, welchen Personen gegen\u00fcber Wiedau Bemerkungen oder Andeutungen gemacht hat, aus welchen angenommen werden kann, da\u00df er mit seinem Schm\u00e4hartikel in der Nr 136 der Emsdettener Volkszeitung vom 14. 6. v. Js den Unterzeichneten hat treffen wollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wiedau reagierte mit Sarkasmus, ebenfalls \u00f6ffentlich in der Tageszeitung: \u201eAufkl\u00e4rung. Um den vielen Fragestellern Aufkl\u00e4rung dar\u00fcber zu geben, wer die vielen Bekanntmachungen des Herrn Amtmann Schipper in meiner Strafsache bezahle und ob dieselben von der Gemeindekasse getragen werden m\u00fc\u00dften, diene Ihnen folgendes zur Aufkl\u00e4rung:<br>Das Amt Emsdetten hat mit dem Verleger Lechte ein Abkommen dahin getroffen, da\u00df das Amt soviel&nbsp; Bekanntmachungen erlassen kann, als es will und zwar zu einem j\u00e4hrlichen Pauschalbetrag. Es ist dies nun letztlich Sache des Herrn Lechte, ob der diese Bekanntmachung als \u201aAmtliche\u2018 oder als \u201aPrivatsache\u2018 ansieht. Auf alle F\u00e4lle leidet unsere Gemeindekasse dadurch keinen Schaden. Also deshalb keine unn\u00fctze Aufregung. Wilh. Wiedau.\u201c Die rechtliche Angelegenheit verlief im Sande.<\/p>\n\n\n\n<p>Vermutlich passierte dies auch, weil sich im Mai 1919 Schipper selbst bereits auf dem absteigenden Ast befand. Niemand, der sich nicht ohnehin bereits als Zeuge zur Verf\u00fcgung gestellt h\u00e4tte, h\u00e4tte etwas dadurch zu gewinnen gehabt, jetzt noch hervorzutreten. Au\u00dferdem wollten die meisten den Krieg, auch mit seinen lokalen Konflikten hinter sich lassen. Anfang Mai hatte er sich krank gemeldet und mu\u00dfte gleich \u00f6ffentlich dementieren, da\u00df es sich dabei um den Einstieg in den Ruhestand handele. Tats\u00e4chlich sollte es doch darauf hinauslaufen, auch wenn sich die Verhandlungen, unter welchen Bedingungen Schipper sich von seinem Amt zur\u00fcckziehen w\u00fcrde, bis Mitte Juli hinzogen. Das ganze wurde so diskret abgewickelt, da\u00df anzunehmen ist, da\u00df gerade die angesehenen B\u00fcrger, auf die sich Schipper gern bezogen hatte, hierbei die Strippen zogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 30. Juli 1919 r\u00fcckt Wilhelm Wiedau f\u00fcr die SPD in die Gemeindevertretung nach. Der Betrieb an der Hansestra\u00dfe wurde nach Kriegsende von seinem Sohn \u00fcbernommen und weiterentwickelt, w\u00e4hrend sich der Vater auf das Lichtspielhaus konzentrierte. Er starb recht pl\u00f6tzlich 1924. Auch Johannes Judith auf der SPD-Liste f\u00fcr die erste demokratische Gemeindevertretung Emsdettens kandidiert und Erfolg gehabt. Im Fr\u00fchling 1919 gr\u00fcndete er zusammen mit Hubert Vietmeyer die \u201eVereinigung der Beamten und Angestellten des Amtes Emsdetten\u201c. Er arbeitete weiter f\u00fcr die Gemeinde-\/Amtsverwaltung bis er 1930 in den Ruhestand ging. August Poggemann zog sich nach der Revolution aus der aktiven Politik zur\u00fcck, blieb aber in zahlreichen Vereinen aktiv. Er starb 1929.<\/p>\n\n\n\n<p>Was kann uns der Konflikt Schipper-Wiedau \u00fcber die Stimmung in Emsdetten im Fr\u00fchling\/Sommer 1918 sagen? Zweifellos ist zu ber\u00fccksichtigen, da\u00df hier zwei Egos aufeinanderprallten, die sich f\u00fcr massive gegenseitige Beschuldigungen nicht zu schade waren. Gleichzeitig wird der Amtmann zu diesem sp\u00e4ten Zeitpunkt des Krieges offensichtlich \u00fcber negatives \u00f6ffentliches Gerede sehr beunruhigt. Die Mehrheit der Streitpunkte richtet sich auf Themen, wie es sie zu Friedenszeiten nicht gegeben hatte, reflektieren die zus\u00e4tzlich Anspannung, wie es sie gleicherma\u00dfen in der Zivilbev\u00f6lkerung wie in der \u00f6ffentlichen Verwaltung. Wenngleich Emsdetten \u2013 sie sich im November best\u00e4tigen sollte \u2013 von einer offen revolution\u00e4ren Stimmung weit entfernt war, war das Vertrauen in die F\u00e4higkeit der Verwaltung, Alltagsprobleme l\u00f6sen zu k\u00f6nnen oder auch nur zu wollen, zur\u00fcckgegangen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kinobesitzer Wilhelm Wiedau und der Amtmann Richard Schipper gerieten im letzten Kriegsjahr 1918 gleich wegen mehrerer Punkte an einander.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":808,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"iawp_total_views":2,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[10,8],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/807"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=807"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/807\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":810,"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/807\/revisions\/810"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/808"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}