{"id":516,"date":"2024-06-21T10:45:51","date_gmt":"2024-06-21T09:45:51","guid":{"rendered":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/?p=516"},"modified":"2024-07-09T10:58:20","modified_gmt":"2024-07-09T09:58:20","slug":"mythos-tradwife","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/?p=516","title":{"rendered":"Mythos &#8222;Tradwife&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Aus den USA ist ein neuer Trend zu uns hin\u00fcbergeschwappt: \u201eTradwives\u201c \u2013 junge Influencerinnen, die das Hausfrauenleben der 1950er Jahre idealisieren. Also nicht das echte zwischen Windeln waschen und Kohlen schleppen: Sondern die Darstellung dieses Lebens in der damaligen Reklame und Propaganda.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Viel Kritik daran hebt zurecht auf die rechtliche Schlechterstellung verheirateter Frauen zu dieser Zeit ab. Aber warum war dieses Ideal gerade in den 1950er Jahren so ausgepr\u00e4gt? Warum wurde es auch von Frauen geteilt? Vereinfacht gesagt: Die Menschen hatten soeben die 1940er Jahre hinter sich.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Klischee<\/h2>\n\n\n\n<p>Stellen wir uns das klassische Bild vor, wie es uns die Werbung von der 1950er Jahre-Kernfamilie zeichnet: Ein (gut aussehender) Mann und niedliche Kinder sitzen in ihren guten Sonntagssachen in einer modisch eingerichteten Wohnung um einen Tisch, wenn eine bis auf eine kleine Sch\u00fcrze sehr schick gekleidete junge Frau gutes Essen hereintr\u00e4gt. Ach ja.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Erfahrungen hatten dagegen die meisten in den 1940er Jahren zumindest in Teilen gemacht? Der Mann ist weg, im Krieg, oder zur\u00fcck und k\u00f6rperlich oder seelisch von dessen Folgen gezeichnet. Die Kinder tragen Improvisiertes, Geerbtes und Abge\u00e4ndertes. Die Wohnung ist entweder kaputt oder wird mit Ausgebombten oder Vertriebenen geteilt. Und das Essen? Nun ja, das h\u00e4ngt auch von den K\u00fcnsten der Frau im \u201eorganisieren\u201c ab, ist aber meist zu wenig und selten das, was man gerne h\u00e4tte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die angestrebten Ziele kamen also nicht von ungef\u00e4hr. Auch dauerte es lange, sie zu erreichen, besonders, was die Wohnungen anging.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Realit\u00e4ten<\/h2>\n\n\n\n<p>Zehn Jahre nach Kriegsende waren zum Beispiel in Emsdetten, bei ca. 24000 Einwohnern insgesamt, noch 1022 Wohnungssuchende registriert. Auf jeden dieser Antr\u00e4ge entfielen im Schnitt 4,5 Personen. Viele junge Paare schoben ihre Heiratspl\u00e4ne um Jahre hinaus, bis sie eine Wohnung finden konnten. Also: Weiter alles andere als eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Kleidung? Hettlage warb 1955 mit einem modischen Sommerkleid, wie es in einer Werbung erscheinen k\u00f6nnte, f\u00fcr 55 DM, der sommerliche Anzug f\u00fcr den Herrn war f\u00fcr 88 DM zu erhalten. Wer in der Textilindustrie des M\u00fcnsterlandes 1,60 DM als Mann, 1,25 DM als Frau brutto in der Stunde verdiente, musste lange daf\u00fcr schuften, oder als Frau selber n\u00e4hen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"714\" src=\"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Fabriksaal-middelhoff-1024x714.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-517\" srcset=\"https:\/\/dachbodenschaetze.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Fabriksaal-middelhoff-1024x714.jpg 1024w, https:\/\/dachbodenschaetze.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Fabriksaal-middelhoff-300x209.jpg 300w, https:\/\/dachbodenschaetze.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Fabriksaal-middelhoff-768x536.jpg 768w, https:\/\/dachbodenschaetze.de\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/Fabriksaal-middelhoff.jpg 1490w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Fabriksaal (N\u00e4herei), vermutlich Firma Leo Middelhoff.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Arbeitsamtsbezirk Rheine (Altkreise Rheine und Tecklenburg) z\u00e4hlte zum Stichtag 1. Januar 1950 knapp 50.000 offiziell gemeldete Erwerbst\u00e4tige. Davon waren 34,4% Frauen und M\u00e4dchen. Wo arbeiteten sie? Fast die H\u00e4lfte in der Textilindustrie, 6,5% in der Landwirtschaft, 13,8% in h\u00e4uslichen Diensten, 7% in Schneiderei und N\u00e4herei, ein Prozent \u201ef\u00fcr die Besatzungsmacht\u201c, und 23,4%, also fast ein Viertel, in anderem. Viele Frauen, die in privaten Haushalten arbeiteten, waren au\u00dferdem nicht amtlich gemeldet. Ebenfalls nicht gemeldet waren die \u201emithelfenden\u201c Frauen und T\u00f6chter, sei es im Einzelhandel, im Handwerk oder in der Landwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>In Emsdetten bewegte sich die Zahl der Frauen unter den offiziell Erwerbst\u00e4tigen 1950-52 zwischen 37 und 39 Prozent: Steigend.\u00a0 Alles andere als ein Randph\u00e4nomen. 1954 lobten sich die Arbeitgeber der Textilindustrie daf\u00fcr, dass sie weiblichen angelernten Facharbeiterinnen 78% dessen zahlten, was m\u00e4nnliche Angelernte bekamen. Damit seien sie deutlich besser aufgestellt als andere Industriezweige. Aufstiegsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Frauen waren allerdings praktisch nichtexistent.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Und auch das Hausfrauen-Leben war weiter voller Sorgen: Der massive Hunger der Nachkriegszeit war in den 1950er Jahren vorbei, aber die Anhebung der Trinkmilchpreise um 2 Pfg. konnte auch 1954 noch die Gem\u00fcter erhitzen. Und als im gleichen Jahr das regnerischer Sommerwetter die Obst- und Gem\u00fcsepreise massiv steigen lie\u00df, hatte das sofort Konsequenzen f\u00fcr den Speiseplan.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hausfrauen-Ideal war also nicht nur eines einer Friedensgesellschaft, sondern auch eines der angestrebten Zugeh\u00f6rigkeit zum gesicherten B\u00fcrgertum. Das f\u00fchrte auch zu Formen versteckter Erwerbst\u00e4tigkeit von Frauen, wie es die Gewerkschafterin Gertrud Hanna (1876-1944) bereits 1924 gei\u00dfelte:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die Isolierung der Heimarbeiterinnen erleichtert ihre Ausbeutung. \u201eDeutlich zeigt sich dies in der Tatsache, da\u00df die niedrigsten L\u00f6hne f\u00fcr Arbeiten \u00fcblich sind, die in der Regel von verheirateten Frauen ausgef\u00fchrt werden, und zwar recht h\u00e4ufig von Frauen aus besser gestellten oder fr\u00fcher wohlhabenden Kreisen: f\u00fcr Handarbeiten kunstgewerblicher Art.<br>(\u2026) Den Wert bildet erst dieArbeit. Diejenigen aber, die die Arbeit leisten, erhalten in der Regel so wenig f\u00fcr ihre gro\u00dfe M\u00fche, da\u00df der hohe Verkaufspreis durch nichts gerechtfertigt wird.<br>Und doch finden sich immer wieder Frauen, die diese Arbeiten verrichten. Sie rei\u00dfen sich f\u00f6rmlich danach. sie sind froh, wenn sie nur wenige Pfennige verdienen f\u00fcr pers\u00f6nliche Bed\u00fcrfnisse und zwar durch Arbeiten, die nicht den Stempel des Ordin\u00e4ren in ihren Augen tragen, wie beispielsweise die Werkstatt- oder gar Fabrikarbeit, und bei der man vielleicht gar noch verdecken kann, da\u00df es sich um Erwerbsarbeit handelt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Heimarbeit gab es auch in den 1950er Jahren noch in nennenswertem Umfange, versteckt vor der Au\u00dfenwelt, die immer ein adrettes Bild sehen sollte. 70 Jahre sp\u00e4ter besteht kein Anlass, sich von diesen Bildern reinlegen zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus den USA ist ein neuer Trend zu uns hin\u00fcbergeschwappt: \u201eTradwives\u201c \u2013 junge Influencerinnen, die das Hausfrauenleben der 1950er Jahre idealisieren. 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